Technische Innovation ist nur ein Teil des Ganzen

SELBSTreflexion – Der entscheidende Schritt zur HR 4.0

Ach, ja. Die Digitalisierung. Seit einiger Zeit schwirrt dieses Gespenst nun schon durch die Medienlandschaft, von Konferenz zu Konferenz, von Messe zu Messe und von einem Büro ins nächste. Gefühlt haben schon zwei Menschen drei Einstellungen und Meinungen zu diesem scheinbar übermächtigen Thema und seinen Folgen verfasst. Mal euphorisch, mal pessimistisch scheint nur eines sicher: Da verändert sich was. Was genau? Wer weiß das schon…

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade „Digitalisierung: Was passiert da gerade eigentlich?“

Im Dunst der abstrakten Kampfbegriffe rund um die Digitalisierung hat sich mittlerweile eine ganze Branche von Beratungen, Coaches und Dienstleistern entwickelt, die versprechen „Digitalisierung einzuleiten“, „fit für das digitale Zeitalter“ zu machen, oder „digitale Werte in Unternehmen zu bringen“.

Doch schon anhand der Einbestellung solcher vermeintlicher „Heilsbringer“ zeigt sich oft ein gänzlich falsches Verständnis von Digitalisierung. Und so scheitern viele gut gemeinte Change-Prozesse noch bevor sie überhaupt wirklich begonnen haben. Denn eine scheinbar triviale Frage bleibt dabei zu oft außen vor: „Was bedeutet Digitalisierung für uns?“ 

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, will ich drei Thesen für Human Resources Abteilungen und Verantwortliche formulieren.

1. Durch Digitalisierung Selbst(bewusster) werden

Man stelle sich einen Reisenden vor, der eine Tour beginnt ohne sein Ziel zu kennen. Nach vorne soll es gehen. Den anderen nach. Doch nicht mal welches Gefährt er da bestiegen hat ist klar. Monstertruck oder City-Flitzer, spritziges Sportcoupé oder schwerfälliger Reisebus, womöglich ein Fahrrad, oder doch ein Motorrad? Ist vollgetankt? Und wer ist da eigentlich mit auf Reisen, sind alle dabei?
Würden Sie nicht wissen wollen an welchem Rennen Sie teilnehmen, bevor Sie aufs Gas drücken?
Klingt abstrus? Wer macht sich schon auf einem unbestimmten Gefährt auf eine Reise zu einem unbestimmten Ziel?
Genau das passiert Tag für Tag beim Versuch den Ansprüchen einer digitalen Welt gerecht zu werden, wenn zuvor nicht der eigene Standpunkt und Handlungsspielraum reflektiert wurde.

Nicht jede Firma kann agil und dynamisch werden wie ein Silicon Valley Start-Up, nicht jeder Mittelständer muss alle digitalen Kanäle mit lustigen Memes bespielen und nicht jede Neubesetzung sollte nach Entrepreneur-Spirit und SCRUM-Kenntnissen ausgewählt werden.

Digitalisierung bedeutet eben nicht es so zu machen, wie die anderen, sondern den eigenen Weg, im eigenen Tempo zu finden.
Dafür gilt es die richtigen Fragen zu stellen. Fragen die es erlauben die Unternehmenskultur spezifisch und ehrlich abzubilden.

Doch wie lässt sich der eigene Standpunkt finden?
Dazu bedarf es zunächst „nur“ einer wichtigen Grundhaltung, ohne die jeder Versuch eines „digital Change“ zum Scheitern verurteilt ist wie ein Bobbycar in der Formel 1. Diese Haltung ist mehr als eine Voraussetzung zur Digitalisierung, sie ist Bedingung, stabiler Anker und erster Etappenerfolg in einem. Gemeint ist die Bereitschaft zur ehrlichen Selbstreflexion – die wichtigste digitale Kompetenz unserer Zeit.

Alle Marketingmaßnahmen, Kommunikationstrainings und Management-Skills sind dann nicht mehr viel wert. „Wir wollen ja…“, nicht gut genug. „Wir haben ja eigentlich…“, nein! „Wenn…dann wäre aber…“, vergiss es! Nichts ist schlimmer und widerstrebt einer digitalen Kultur mehr, als die Verdrängung und Verklärung der eigenen Wirklichkeit. Digital sein, das heißt auch Widersprüche auszuhalten, Fehler anzuerkennen, Unberechenbarkeit anzunehmen und Charakter zu haben. Für eine Organisation, die diese reale Komplexität ignoriert, wird Digitalisierung nie zu meistern sein, egal wie viele innovative Tools, fancy Prozesse und teure Berater auch geholt werden.

Deswegen beginnt jeder Schritt auf dem Weg zur Digitalisierung immer mit Selbstreflexion.
Jeder Versuch digitaler zu werden wird zwangsläufig scheitern, wenn nicht zunächst eine realistische und sachliche Analyse der eigenen Umstände, Möglichkeiten, Zwänge und Ansprüche durchgeführt wurde.
Was passieren kann, wenn Organisationen ohne kritische und realistische Selbstreflexion zur Digitalisierung blasen, haben ich und viele Kolleginnen und Kollegen erlebt: Wütende Geschäftsführer, verzweifelte Angestellte, Generationenkonflikte, Leistungseinbrüche und Abhängigkeiten von einzelnen „richtungsweisenden“ Beratern, sind nur einige der Resultate.

Der erste und wichtigste Schritt hin zur Digitalisierung ist also zunächst eine offene Geisteshaltung – keine Big Data driven AI kann ehrliche Selbstreflexion jemals ersetzen oder übernehmen, aber sie kann dabei helfen.

Das Pioneers Trafo Modell

Quelle: https://hr-pioneers.com/

Denn natürlich gibt es für die Selbstreflexion moderne Orientierungssysteme und innovative Hilfestellungen, die gezielt für Digitalisierungsprozesse entwickelt wurden. Die Kölner Beratungsagentur HR-Pioneers hat z.B. ein anschauliches Modell entwickelt, indem, statt in einer digitalen Logik zwischen 1 (wir sind digital) und 0 (brauchen wir nicht) zu verharren, fünf Stufen der Transformation von 1. Klassisches Unternehmen bis 5. Super agiles Unternehmen differenziert werden. Dieses Modell zeigt wie vielschichtig und spezifisch die jeweilige Anpassung, je nach Reifegrad und Notwendigkeit, gestaltet werden kann.

Auch externe Berater können an dieser Stelle helfen, blinde Flecken und verdrängte Unannehmlichkeiten aufzudecken und einen gemeinsamen Umgang mit der neuen Ehrlichkeit zu finden.

Wichtig ist es die richtigen Fragen zu stellen, die besten Antworten können nur aus dem Unternehmen selbst kommen.
Ist ein Unternehmen erst bereit Wahrheiten anzuerkennen, statt Wunschbilder zu verteidigen, kann auch ein smarter Algorithmus diese richtigen Fragen stellen und daraus relevante Analysen ableiten. Doch selbst der beste Algorithmus kann eine Unternehmenskultur nicht abbilden, wenn diese nicht zu sich selbst steht. Nicht zuletzt werden es auch Angestellte und BewerberInnen danken, wenn Organisationen Charakter zeigen und dadurch Unternehmens- und Jobbeschreibungen ein realistisches Bild, statt glorifizierende Phrasen, abbilden.

2. Durch Digitalisierung wird HR besser werden

Ja! Digitalisierung kann HR vom Recruiting bis zur Personalentwicklung besser machen. Matching-Algorithmen sind (gut programmiert!) unempfänglich für subjektive Verzerrungen, wie Halo-(Bewerberin trägt Brille: Muss intelligent sein) oder Wasservogel-Effekte (Bewerberin spricht Dialekt: weniger intelligent). Sie erleichtern die genaue Analyse, auch einzelner Faktoren oder Bereiche von BewerberInnen und Organisationen. Auch helfen intelligente Systeme die objektive Vergleichbarkeit der Kompetenzen von BewerberInnen zu verbessern und im Sinne des Netzwerkcharakters auch die Eignung für eine andere offene Position aufzeigen. Potentiale und Entwicklungen lassen sich durch Datenbanken selbst in Großunternehmen ordnen, priorisieren und nachvollziehen. Durch Datenaufzeichnungen und gut gewählte Key Performance Indicator können objektive Einschätzungen automatisch aus der täglichen Praxis abgeleitet werden, ohne Routinen für künstliche Testsituationen zu unterbrechen.
Auch die Herausforderungen des zunehmenden Bewerbermarktes und verstärkte individuelle Ansprüche von ArbeitnehmerInnen können durch Digitalisierung erleichtert werden. Kürzere Kommunikationsintervalle, zielgerichtete Leistungsevaluationen und personalisierte Arbeitszeitplanungen werden durch intelligente vernetzte Systeme optimiert und sorgen mit wenig Aufwand für höhere Motivation, Identifikation und Leistungen. Berufsnetzwerke wie Xing oder LinkedIn ermöglichen die direkte Ansprache aussichtsreicher Talente und bieten Möglichkeiten persönliche Informationen im direkten Austausch zu teilen und zu präsentieren.
Mitarbeiterzentrierte Lösungen wie Benify oder Benefit-Portal liefern komplette Online-Plattformen für eine angemessenere Vergütungssysteme, erleichtern die betriebliche Gesundheitsvorsorge, Urlaubsplanung und erhöhen die Transparenz über die Grenzen einzelner Standorte hinaus.

3. Durch Digitalisierung wird HR (wieder) menschlicher werden

Wie bitte!? Ja, Sie lesen richtig. Technische Innovation kann Menschlichkeit fördern.
Beim HR BarCamp 2017 bestand in diesem Punkt großer Optimismus. Man könnte meinen, HR-Verantwortliche der Welt fürchten im Angesicht intelligenter Matching-Systeme um ihren Job –  Das Gegenteil war der Fall. Digitale Systeme werden in Zukunft viele der ungeliebten Formalitäten übernehmen und dadurch den bürokratischen Aufwand für Human Resources Verantwortliche reduzieren. Indem künstliche Intelligenz mehr und mehr der zeitfressenden formalen Pflichten einer HR übernimmt, z.B. Datenschutz, Arbeits- und Vertragsrecht, Bewerberauswahl, Leistungsevaluationen und Vergütungssysteme zum Teil automatisiert abgewickelt werden, kann HR sich wieder vermehrt um soziale Belange der Personalwirtschaft kümmern. Einige Unternehmen haben Digitalisierung bereits so weit voran getrieben, dass Human Resources Management dort richtungsweisend in „People Departement“ umbenannt wurde und aus den freigewordenen Kapazitäten zum Wohle der Belegschaft Jobs wie Feel Good Manager und inhouse Coach entstanden. Unvermittelte, offene Kommunikation, direkte Ansprache und nachhaltigere Personal- und Organisationsentwicklungsprozesse sind wesentlicher Bestandteil einer positiven Unternehmenskultur und Aufgaben, die, durch intelligente Systeme entlastete, HR-Abteilungen wieder verstärkt und anhaltender erfüllen können.

Ich glaube fest daran, dass es nicht „die eine digitale Kultur“ gibt. Jedes Unternehmen muss einen eigenen Zugang zum Umgang mit der digitalen Welt finden.
Geht Digitalisierung mit einer realistische Selbsteinschätzung und einem reflektierten Unternehmensprofil einher, begreifen Verantwortliche, dass die innere Haltung der Schlüssel zur Bewältigung der neuen Herausforderung und Chancen ist, kann Digitalisierung vom Kleinunternehmen bis zum Großkonzernen wesentlich zu positiven Veränderungen beitragen. Doch Digitalisierung lässt sich nicht einfach kopieren, skalieren und vor allem nicht „zukaufen“. Unternehmen die Digitalisierung als Chance, statt als Zwang begreifen und mit realistischen Ansprüchen Veränderungen vorantreiben werden davon profitieren. Die HR-Abteilungen können hier als gutes Vorbild voran gehen, die Weichen sind gestellt. Also, pack ma’s!