• Ströck Brot Pop Up Karrierezentrum

Interview: Eva Planötscher-Stroh – Pop-up-Karriezentrum und andere zielgruppenorientierte Recruiting-Maßnahmen

Eva Planötscher-Stroh ist Head of Human Resources bei der Ströck Brot GmbH, wo sie nicht nur den HR-Bereich komplett reorganisierte und die interne Aus- und Weiterbildung neu strukturierte, sondern auch die Arbeitgebermarke aufbaute. Daneben ist sie amtierende Twitter-Queen des HRBarCamp Wien.
Wir sprachen mit ihr über Zielgruppenorientiertes Recruiting, die künftigen Herausforderungen im HR und die Vorteile kurzer Entscheidungswege.

JobUnicorn: Hallo Frau Planötscher-Stroh, erzählen Sie uns doch bitte etwas zu Ihrer Person und Ihrem Werdegang.
Eva Planötscher-Stroh: Ich bin gebürtige Tirolerin und mit 22 Jahren nach einem Teilzeitjob im Bereich Sales, Werbung und Marketing zufällig ins HR-Management gerutscht. Seither sind 18 Jahre vergangen und ich bin meiner Profession treu geblieben. Den Großteil meines Arbeitslebens habe ich seither in der Lebensmittelbranche verbracht, sie ist also quasi mein beruflicher Lebensmittelpunkt.

Portrait Eva Planötscher-Stroh

Eva Planötscher-Stroh

Was treibt Sie als Head of Human Resources täglich an und wo wollen Sie noch hin?
Ich liebe die Herausforderung und die Abwechslung, die mir mein Job bietet. Ich will mit meiner HR-Arbeit einen Mehrwert für das Unternehmen leisten und es motiviert mich, wenn ich durch kurze Entscheidungswege Ideen unkompliziert und rasch umsetzen kann. Ich freue mich über kleine und große Erfolgserlebnisse.
Wo ich noch hin will? Ich engagiere mich dafür, dass wir als Firma ständig besser werden. Da ist eindeutig der Weg mein Ziel.

Ihr Arbeitgeber, Ströck Brot ist eine Österreichische Großbäckerei mit 77 Filialen in und um Wien und 1.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Doch Ströck fällt nicht nur mit gutem Brot auf, sondern auch mit innovativen Recruiting-Methoden.
Seit Oktober 2015 bieten Sie ein offenes Karrierezentrum an, das heißt man kann einfach vorbeikommen und sich direkt bewerben – ohne Terminvereinbarung und ohne Formulare, direkt bei einem Menschen. Wie kam es zu dieser Idee?
Unsere Personalsuche war früher recht klassisch organisiert: Online-Bewerbungsformular, Sichtung von Bewerbungen, Vorselektion und Einladung zu größeren Präsentationen und Vorstellungsrunden. Den größten Teil ihrer Arbeitszeit haben meine Recruiter mit administrativen Tätigkeiten zugebracht – im Schnitt blieben nur 20% für das persönliche Kennenlernen übrig. Absolut unzureichend, denn gerade die Persönlichkeit war für uns das wichtigste Kriterium im Verkauf – und die konnte man am Papier nicht beurteilen.
In einem Team-Brainstorming wurde die Idee des Karrierezentrums geboren, ein wenig weiter entwickelt und bei einem Meeting mit der Geschäftsleitung in einer mutigen Minute erwähnt. Der Vorschlag gefiel auf Anhieb und nach ein paar Monaten haben wir eröffnet.

Fast zwei Jahre nach dem Start, welche Ergebnisse, Lehren und Tipps für andere Unternehmen können Sie aus dem Karrierezentrum ziehen?
Das Konzept „Ströck Karrierezentrum“ hat sich für uns bestens bewährt, weil es zu unserer Zielgruppe passt. Einzig in der Kommunikation mussten wir nachschärfen, weil nicht alle BewerberInnen glauben konnten, dass wir wirklich auf eine schriftliche Bewerbung vorab verzichten und das Vorstellungsgespräch sofort stattfindet. An das Karrierezentrum ist auch ein Trainingsbereich mit einer kleinen Schulungsfiliale angeschlossen. Die nutzen wir mittlerweile für praktische Übungen im Vorstellungsgespräch. So erleben wir unsere BewerberInnen in der Verkaufssituation realitätsnaher als bisher.
Ich möchte jedoch betonen, dass man die Idee des Karrierezentrums nicht 1:1 auf andere Unternehmen umlegen kann. Entscheidend ist immer die Bewerberzielgruppe, sie ist die Basis für jede Personalsuche-Aktivität.

Pop Up Karrierecenter im Wiener Hauptbahnhof - Foto: Claudia Lorber

Pop Up Karrierecenter im Wiener Hauptbahnhof – Foto: Claudia Lorber

In der letzten Woche hat das HR-Team von Ströck Brot nun wieder ein HR-Schmankerl aus dem Hut gezaubert. Innerhalb von einer Woche haben Sie mit Ihrem Team ein Pop-up Recruitingcenter mitten im Wiener Hauptbahnhof geplant und umgesetzt.
Wie kam es zu dieser Idee?
Der Sommer ist für uns in punkto Personalsuche immer Saure-Gurken-Zeit. Hitze, Freibad und Co. sind unsere größte Konkurrenz. Urlaubsbedingt kommt es auch beim Stammpersonal  manchmal zu Engpässen.
Das Pop Up war eine spontane  Idee. Wir haben uns die Frage gestellt, wo wir  potenzielle Kandidaten im Sommer antreffen. Unsere Top 3 waren Shopping Center, Bahnhöfe bzw.  sonstige öffentliche Verkehrsknotenpunkte und Freibäder. Der Wiener Hauptbahnhof war als Location am schnellsten verfügbar. Als nächstes folgen der Wiener Westbahnhof, ein mittelgroßes Shopping Center und ein großes Wiener Freibad.

Und wie kam die Idee bei den BewerberInnen an?
Das Pop-Up-Team war von 7.00 bis 18.00 Uhr im Einsatz. Es fanden 11 spontane Vorstellungsgespräche statt und viele Infogespräche mit Interessierten oder neugierigen Passanten. Allein am folgenden Tag führte das Recruitingteam weitere 20 Vorstellungs-gespräche im Ströck Karrierezentrum. Alles in allem also ein sehr gutes Ergebnis!

Oft hört man aus HR-Abteilungen, die innovativen Ideen wären ja da, aber die Umsetzung wäre nicht so einfach möglich. Oft ist das Standing von HR im Unternehmen auch nicht das beste. Wie kann man das Ihrer Meinung nach ändern?
Oder ganz konkret gefragt: Wie schafft man es, die Geschäftsführung von einem Pop Up Recruitingcenter zu überzeugen und das innerhalb von einer Woche?
Ströck ist ein handwerklicher Familienbetrieb mit viel Pioniergeist. Das prägt ein sehr offenes und umsetzungsorientiertes Klima für Ideen. Überzeugungsarbeit bei der Geschäftsleitung war daher gar nicht nötig. Die Pop Up Idee war praxisorientiert, kostengünstig und für das HR-Team nahezu ohne fremde Hilfe realisierbar: Die Genehmigung von der Österreichischen Bundesbahn war schnell eingeholt, danach mussten wir nur noch einen Ströck Lieferwagen ausborgen und unseren HR-Messestand einpacken.

Ströck Brot kämpft den „War for Talents“ bereits fleißig und erfolgreich mit. Gibt es noch weitere Ideen, auf die wir uns demnächst freuen dürfen?
Selbstverständlich – die verraten wir aber (noch) nicht!

Dann warten wir ganz gespannt auf weitere Recruiting-Innovationen made by Ströck Brot.
Apropos Innovationen, unter den ganzen verschiedensten Wege, neue MitarbeiterInnen zu finden. Welche davon sind Ihrer Meinung nach wirklich zeitgemäß und sinnvoll?
Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Erlaubt ist alles, was die Zielgruppe anspricht und zur Arbeitgebermarke passt. Nehmen Sie unser Karrierezentrum als Beispiel: Im Jahr 2015 stand für viele Firmen die Einführung einer Online-Bewerberplattform noch auf der ToDo-Liste, da hatten wir sie für den Verkaufsbereich schon wieder abgeschafft und durch persönliche Gespräche ersetzt. Eigentlich sehr altmodisch, aber trotzdem zeitgemäß.
Man muss sich eben permanent mit dem Arbeitsmarkt, mit Generationen und mit neuen Trends auseinander setzen und entscheiden, welchen Weg man einschlägt.

Wie schätze Sie die Wichtigkeit von  „Cultural Fit“ und „Team Fit“ für den Arbeitsalltag in Ihrem Unternehmen ein? Und sind Lösungen dazu bereits im Recruitingalltag angekommen?
An diesem Thema scheiden sich seit Jahren sowohl die Geister als auch diverse Studien. Für mich persönlich steht fest, dass man sicherlich mit größerer Freude zur Arbeit geht, wenn man sich im Team wohlfühlt und ich bin davon überzeugt, dass sich das auch positiv auf das Arbeitsergebnis auswirkt. Aktuell schätzen bei uns Recruiter und Führungskraft den „Fit“ aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung ein – die Trefferquote liegt aber im Dunkeln.

Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile von Matching-Verfahren in der Personalauswahl?
Ein Mensch mit Persönlichkeit, Charakter, Kenntnissen, Erfahrungen etc. ist in seiner Gesamtheit wesentlich komplexer als ein bloßes Matching-Ergebnis. Daher finde ich es als alleinige Entscheidungsgrundlage ungeeignet.
Man kann Matching-Verfahren jedoch für eine Vorselektion oder aber zur Abrundung des persönlichen Eindrucks sehr gut nutzen.

Welche Skills und welches Mindset sollte ein Recruiter Ihrer Meinung nach mitbringen, um die Herausforderungen der nächsten Jahre bewältigen zu können?
Die wichtigste Grundvoraussetzung ist wohl die Fähigkeit, sich dauerhaft und positiv mit dem Faktor Mensch auseinander setzen zu können. Ich wünsche mir zudem dienstleistungsorientiere Recruiter, die über eine gewisse Marketingaffinität und das Gespür für Trends verfügen. Geistige Flexibilität ist unerlässlich, um auf unterschiedliche Situationen oder Herausforderungen angemessen reagieren zu können.

Zum Schluss noch einmal zurück zu Ströck Brot. Angenommen, ich wäre jetzt ein Bewerber, wie würden Sie mich davon überzeugen, bei Ströck-Brot anzufangen? Wo sticht Ihr Arbeitgeber besonders positiv hervor?
Bei Ströck haben Sie täglich die Chance, Menschen mit Ihrer Arbeit glücklich zu machen – egal ob Sie als Bäcker hervorragendes Brot backen, oder es begeistert in unseren Filialen verkaufen.
Abseits dieser Botschaft finde ich es übrigens besonders bemerkenswert, dass wir einen wirtschaftlich sicheren Arbeitsplatz in einem familiengeführten, österreichischen Betrieb anbieten, bei dem auch die Zukunft nachhaltig abgesichert ist, weil die nächste Generation schon fleißig mitarbeitet. Dass wir im Rahmen der Ströck Akademie außerdem sehr viel Zeit und Engagement in die Ausbildung und die Weiterentwicklung unserer Leute investieren, kann auch überzeugen oder dass man es bei Ströck vollkommen unabhängig von Herkunft (42 verschiedene Nationalitäten!) oder Ausbildung durch persönliche Leistung recht schnell zu einer Führungsfunktion bringen kann.
Sehr oft sind es aber ganz banale Dinge wie die Nähe der Filiale zum Wohnort oder die Flexibilität bei den Arbeitszeiten (Frühdienst/Spätdienst, Vollzeit, Teilzeit), die für unsere BewerberInnen ausschlaggebend sind.
Die Gründe für Ströck zu arbeiten sind insgesamt wohl so individuell wie unsere MitarbeiterInnen und BewerberInnen!

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Eva Planötscher-Stroh sollte man unbedingt auf Twitter folgen: twitter.com/str_eva. Wenn man sie nach ganz konkreten Tipps und Ideen ausfragen, oder sich einfach nur mit ihr austauschen will, bietet sich ein Besuch in Wien (zum HRBarCamp Wien) an – oder man kontaktiert Eva Planötscher-Stroh auf LinkedIn und XING.

Über die Handwerksbäckerei Ströck
Der Gründer der Bäckerei, Johann Ströck, machte sich zuerst im burgenländischen Kittsee selbstständig, bevor er eine kleine Bäckerei in der Langobardenstraße 9 im 22. Wiener Bezirk kaufte. Die jungen Brüder Robert und Gerhard Ströck übernahmen den Betrieb 1977 und entwickelten ihn seitdem höchsten Qualitätsansprüchen entsprechend weiter. Der Familienbetrieb mit zwei Backstuben im 22. Bezirk wird von Irene und Robert Ströck, sowie Gabriele und Gerhard Ströck geführt. Für mehr Informationen besuchen Sie www.stroeck.at.

By | 2017-07-19T12:01:36+00:00 19.07.2017|

One Comment

  1. Henner 26. Oktober 2017 at 00:14 - Reply

    Hallo Stefan! Schönes Interview mit Eva. Ich habe beim HR Barcamp in Wien mal die Gelegenheit genutzt und sie mir für meinen Podcast geschnappt. Pop-Up-Karrierezentrum auf und für die Ohren sozusagen 😉

    https://personalmarketing2null.de/2017/10/recruiting-freibad-rocket-science-podcast-eva-planoetscher-stroh/

    Viel Spaß!

    Liebe Grüße nach Berlin!
    Henner

Leave A Comment